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Pauluskolleg  
Husener Strasse 43  
33098 Paderborn 
Tel.:05251/6999138  

Pauluskolleg

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Interview mit Spiritual Martin Reinert

Wo liegen die Schwerpunkte der Aufgaben des Pauluskollegs?

Ganz pragmatisch gesehen: Niemand muss sich am Anfang des Studiums in einer unbekannten Stadt ein Zimmer suchen, das ist schon eine echte Entlastung. Zudem lernen sich die Studierenden des ersten Jahrgangs recht gut und auch sehr schnell untereinander kennen. Das erleichtert für viele einen gesunden Ablösungsprozess vom Elternhaus und vom Heimatort. Die ersten Schritte hin zu mehr Eigenständigkeit und Selbstverantwortung können so gemeinsam getan werden mit anderen, die in einer ähnlichen Lebensphase sind.

Es ist dann einfach auch gut, für die gesamte Studienzeit einen gemeinsamen “Lebenspunkt” zu haben; einen Ort für persönliche, geistliche und gemeinschaftliche Erfahrungen. Unsere Aufgabe liegt darin, diesen Lebensprozessen Raum zu verschaffen und unterstützend zur Seite zu stehen. Je lebendiger es zugeht, desto intensiver entwickeln sich Haltungen, die zu einem glücklichen, reifen und auch geistlich fundierten Mensch- und Christsein dazugehören.

Schließlich ist das Pauluskolleg so auch ein Lernort. In unterschiedlichen Angeboten und Veranstaltungen werden Lebens- und Glaubensaspekte aufgegriffen, reflektiert und eingeübt. Zum Konzept unserer studienbegleitenden Arbeit gehören als “Bausteine” auch Abendreihen und Wochenendangebote zur Förderung der für den Beruf der/des Gemeindereferentin/Gemeindereferenten notwendigen persönlichen Kompetenzen. Gerade für Entwicklungen im Bereich der eigenen Persönlichkeit, des sozialen Lernens und der Spiritualität bietet das Pauluskolleg wirklich gute Voraussetzungen und Chancen, die wir nicht verspielen dürfen.
 

Das gemeinsame Wohnen eröffnet ein Spannungsfeld. Was fördert es? Was verhindert es?

Bei allen Ähnlichkeiten im Blick auf den Berufswunsch stellen die neuen Hausbewohner auch sehr bald fest, wie unterschiedlich sie sind. Jeder bringt eigene Erfahrungen, Überzeugungen und auch eine Menge Projektionen darüber mit, wie es denn in der Kirche zuzugehen habe oder wie eine Gemeindereferentin sein muss. Spannungen und Konflikte sind da unausweichlich, und sie helfen auch. Die BewohnerInnen müssen sich anfragen lassen und ihre eigenen Haltungen überprüfen. Sie lernen sich dabei selbst besser kennen und wir erlernen gemeinsam – wenn es gut geht – einen je neuen Stil, mit Meinungsverschiedenheiten und Problemen umzugehen. Gelingt das Zusammenleben, so wirkt sich dies sehr positiv aus für vielerlei Projekte und Unternehmungen vom regelmäßigen Morgengebet bis hin zur Studienfahrt. Auch unsere Gottesdienste gewinnen dann sehr an Vielfalt und Tiefe. Es kommt aber auch vor, dass Einzelne, aus welchen Gründen auch immer, vor der Vehemenz des gruppendynamischen Prozesses zurückschrecken. Die ständige Präsenz der Großgruppe kann da auch zur Last werden und es fehlen die Rückzugsräume. Die im Großen und Ganzen sinnvolle Wohnverpflichtung für die Studierenden des ersten Studienjahres wird so Einzelnen auch manchmal nicht gerecht.
 

Wie sehen Sie die Rolle der Studierenden höherer Semester im Pauluskolleg?

Unser Haus bietet heute neben dem Wohnraum für die Studienanfänger auch viel Lebensraum für die Studierenden höherer Semester. Das war in der Vergangenheit nicht immer so. Erst mit der Einrichtung der Vollstelle eines geistlichen Rektors 1989 rückten die Studierenden der höheren Semester als Adressaten für eine studienbegleitende Arbeit stärker in den Blick. Die Beziehung zwischen den “Ehemaligen” und den neuen ”Hausherren” gestalteten sich nicht immer ohne Irritationen und Spannungen; im Ganzen aber hat das Haus von dieser Akzentverlagerung sehr profitiert.

Heute können wir – wenn auch noch in geringer Zahl - Studierende aufnehmen, die über das erste Jahr hinaus hier wohnen möchten. Das wird der Kontinuität der Lebensabläufe im Kolleg sicher gut tun. Die neuen Studenten finden hier Leute vor, die mit den Gepflogenheiten schon länger vertraut sind, und auch die ”Besucher” haben eine ”Anlaufstelle” im Wohnflur der höheren Semester.

Über den Aspekt des Zusammenlebens hinaus prägen die Studierenden der höheren Semester das Leben im Pauluskolleg deutlich mit. Der ”AK-Programm” entwirft z.B. ein buntes Semesterprogramm; die Gottesdienste und Abendveranstaltungen sind beliebte Treffpunkte und zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen unserer ”Bausteine” sind eigens auf die Lebenssituation der Studierenden in höheren Semestern hin konzipiert.
 

1999 wurde ein Konzept entwickelt, mit dem Konstanten der menschlichen und geistlichen Ausbildung und Begleitung im Pauluskolleg benannt werden: Haben sich die ”Bausteine” dieses Konzeptes bewährt?

Die Entwicklung des Konzeptes hat insgesamt zwei Jahre in Anspruch genommen. Wir haben unsere Planungen in allen Diözesanrunden der Studierenden besprochen. Auch im Kreis der Ausbildungsleitungen und der Dozentinnen und Dozenten der KFH wurden die einzelnen Bausteine diskutiert und wir erhielten dabei noch wertvolle Hinweise für die inhaltlichen und planerischen Fragen.

Für eine umfassende Beurteilung ist es noch zu früh. Wir befinden uns noch immer in einer Erprobungsphase. Erst zum Jahreswechsel 2003/2004 wird ein erster vollständiger Durchlauf der acht Bausteine abgeschlossen sein. Zukünftig werden alle Bausteine innerhalb eines jeden Studienjahres vorkommen, so dass die Studierenden auswählen können, wann sie an welchen Angeboten teilnehmen möchten. Mit einem möglichen Baustein pro Semester lässt sich dieses Konzept auch gut in die Zeit des Studiums integrieren.

Ein sensibles Thema liegt natürlich in der in der Frage, inwieweit die Studierenden zur Teilnahme an einzelnen Bausteinen verpflichtet sind. Die einzelnen Bistümer gehen hier unterschiedliche Wege. Alle Ausbildungsleitungen erwarten etwa, dass die Studierenden innerhalb ihrer Studienzeit Erfahrungen mit Exerzitienangeboten sammeln. Die Teilnahme an unseren Bausteinen wird allen Studierenden empfohlen. Einzelne Bistümer laden ihre Leute auch zu verpflichtenden Treffen innerhalb des eigenen Bistums ein. Das Erzbistum Paderborn hat an seine Studierenden die Erwartung, dass sie im Verlauf des Studiums an allen Bausteinen einmal teilnehmen, sofern sie ähnliche Veranstaltungen und Inhalte nicht schon anderswo einmal kennengelernt haben.

Die bisherige Erfahrung mit den Bausteinen bewerte ich recht gut. Die Angebote sind sinnvoll und plausibel und sie ergänzen in guter Weise die Studienangebote an der KFH. Auch ehemalige Studierende und VertreterInnen der Berufsgruppe geben die Einschätzung wieder, dass in einem solchen klar strukturierten Konzept ein echter Gewinn für die Arbeit des Pauluskollegs liegt.
 

Welche Themen kommen im Haus neben den Bausteinen zur Geltung?

Das Spektrum an Themen und Angeboten innerhalb des Semesterprogramms ist schon sehr breit. Auch soziale Themen und musisch-kulturelle Angebote haben ihren festen Platz. Interessanter wäre es vielleicht zu fragen, was möglicherweise zu wenig zur Sprache kommt. Da fallen mir durchaus verschiedene Themenbereiche ein:

Thema Nummer eins ist für viele Studierende naturgemäß der Bereich der Freundschaften und beginnenden Lebenspartnerschaften. Alle gehören hier einer Altersgruppe an, in der man ernsthaft nach einem Partner oder einer Partnerin sucht und in diesem Bereich wichtige Erfahrungen sammelt. Das ist gut so und sollte eigentlich auch gefördert und begleitet werden. Offen zu solchen Themenabenden einzuladen findet aber nur sehr wenig Resonanz. Es braucht wohl eher den kleineren und geschützten Raum, um über persönlichere Erfahrungen zu sprechen. Das geht dann eher schon einmal in der Flurgemeinschaft oder in unserer Küche bei Frau Scheipers, unserer Hauswirtschaftsleiterin. Auch im Bereich der geistlichen Begleitung Einzelner hat das Thema natürlich seinen Platz. Wir “verstecken” das Thema hin und wieder, indem wir einen Themenabend zu ausgewählten deutschen Märchen anbieten oder einen Referenten der Ehe- Familien- und Lebensberatung zu uns einladen.

Auch das Thema der persönlichen Berufung könnte noch mehr in den Mittelpunkt rücken. Der pastorale Dienst einer Gemeindereferentin ist ohne eine gelebte und angenommene Berufung eigentlich kaum denkbar. Was aber bedeutet Berufen-Sein und wie kann ein adäquater Ausdruck dafür gefunden werden? Manche wählen für sich die Weihe zum Ständigen Diakon oder die Jungfrauenweihe. Gerade im Blick auf die in überwiegender Zahl Verheirateten innerhalb der Berufsgruppe ist auch die Kirche gefordert, Leitbilder und Formen zu entwickeln, die über die Zustellung eines Anstellungsvertrages und die liturgische Beauftragungsfeier hinaus deutlich machen, das hier auch eine existenzielle und persönliche Berufung vorliegt und zur Geltung gebracht werden will.

Ein anderes Randthema ist die Ökumene. Zwar kommen nicht wenige unserer Studenten aus eher protestantisch geprägten Regionen; dennoch erlebe ich nur sehr selten, dass über theologische oder pastorale Ansätze zur Gemeinschaft der Kirchen gesprochen wird. Auch im Studium findet dieses Thema wohl nicht den zu wünschenden Raum. Es gibt offensichtlich noch eine ganze Reihe guter Ansätze - die Themen werden uns nicht ausgehen.
 

Was wünschen Sie sich, was Studierende am Ende des Paulus-Jahres über diese Zeit sagen?

Wünsche hat man natürlich immer. Zufrieden bin ich, wenn Studierende am Ende des ersten Studienjahres etwa sinngemäß sagen: ”Ich hatte vorher keine Vorstellung, aber es war ein gutes Jahr. Ich denke gern an unsere Flurgemeinschaft, an schöne Feste, Gottesdienste und ganz persönliche Begegnungen zurück. Ich habe hier wirklich gelebt und ich möchte hier auch weiterhin einen Ort finden, wo ich willkommen bin und Anregungen für mein Leben finde.” Wenn dies in etwa der Grundton ist, habe ich auch viel Verständnis für erleichterte und frohe Gesichter beim Auszug aus dem Haus.
 

Herzlichen Dank!

Das hier gekürzt wiedergegebene Interview führte Verena Palm im Rahmen ihrer Diplomarbeit zum Thema:

“Mehr als ein Zimmer zu Studienbeginn? Kritische Auseinandersetzung mit der menschlichen und geistlichen Ausbildung zum pastoralen Beruf, erörtert am Beispiel des Pauluskollegs in Paderborn”. Die lesenswerte Diplomarbeit liegt im Pauluskolleg vor und kann gern eingesehen werden.

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