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Pauluskolleg  
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“Zwischen Reformation und Christusmystik” – Helfta 4.-6.11.2005

 

Reisetagebuch-Notizen

 

Freitag, 4. November 2005

9.00 Uhr Abfahrt aus Paderborn. Sieben Studierende aus 1. und 3. Semester machen sich zusammen mit Stephanie Lichters auf den Weg nach Osten und in ein Stück Vergangenheit des Christentums in deutschen Landen. 

12.00 Uhr: Schon von weitem sieht man sie von der Autobahn aus imposant und ein wenig verträumt auf dem Berg liegen: die Wartburg. Mindestens zwei für das Christentum wichtige Persönlichkeiten hat sie zeitweise beherbergt: die heilige Elisabeth von Thüringen und Martin Luther. Wir stehen also auf historisch bedeutsamem Gelände. Nach dem Reichstag zu Worms hat Luther sich hier versteckt gehalten und innerhalb von nur 10 Wochen das gesamte Neue Testament ins Deutsche übersetzt; ein grandioser Beitrag zur Schaffung einer einheitlichen deutschen Sprache während gleichzeitig der gewaltige Riss der Reformation sich unter dem Volk ausbreitet.

Da die Zeit uns heute regelrecht davonläuft, wird der Besuch in Weimar zur kurzen Stippvisite. Immerhin haben wir einmal das Nationaltheater und davor das Goethe-Schiller- Denkmal bewundert.

Um 19.30 Uhr kommen wir gerade noch rechtzeitig vor der Komplet im Kloster Helfta an. Es ist schon längst dunkel und die Dimensionen des Geländes lassen sich nur erahnen. Gut, dass wir Kathrin Feineis dabei haben, die aus Eisleben kommt und sich hier auskennt. Das Chorgebet der Schwestern hinterlässt einen ersten tiefen Eindruck und besonders die allabendliche Segenszeremonie in der fast stockdunklen Kirche. Jede Schwester und alle Gäste treten mit einer Verneigung vor die Äbtissin, die mit Weihwasser jeden einzeln segnet.

 

Samstag, 5. November 2005

Ein ganz eifriger aus unserer Truppe hat es wirklich geschafft, schon um 5.30 Uhr zur Laudes aufzustehen; die anderen treffen sich zwei Stunden später zur Eucharistiefeier. Nach dem Frühstück haben wir in eine Führung durch das Kloster: Gründung im 12.Jh., Umsiedlung, Zerstörung und Zerfall aufgrund der Reformation, Wiederaufbau und Wiederbesiedlung nach der Wende ab 1990. Ursprünglich haben Cisterzienserinnen hier angefangen und heute leben wieder welche hier. Wir machen noch einen Abstecher in den Klosterladen bevor wir nach Eisleben fahren. Nach dem Mittagessen besichtigen wir die St. Andreas-Kirche schräg gegenüber vom Sterbehaus Martin Luthers. Er hat höchstpersönlich auf der noch zu bewundernden Kanzel gepredigt. Geschichte zum Anfassen. Dann geht es weiter zur “Steinbilderbibel” in der St. Annen Kirche. In der Zeit als die Menschen nicht lesen und schreiben konnten waren Bilder eben Verkündigung pur.

Am Nachmittag hat sich die Äbtissin von Kloster Helfta, Mutter M. Assumpta, persönlich für uns Zeit genommen und bringt uns die drei heiligen Frauen von Helfta, alle ihres Zeichens Mystikerinnen, näher. Mechthild von Hakeborn, Gertrud von Helfta und Mechthild von Magdeburg haben hier im 13. Jh. gelebt. So wie Mutter Assumpta über Mystik spricht, klingt das sehr vernünftig und einleuchtend und verliert für uns etwas vom Hauch des Wunderlichen und Geheimnisumwobenen. Zwei Dinge –so lernen wir- machen vereinfacht gesagt eine mystische Erfahrung aus: Erstens eine innere, nicht durch die fünf Sinne vermittelte Erfahrung des Menschen, in der die Seele von Gott bewegt wird. Also keine mirakulösen Erscheinungen, Visionen oder ähnliches. Und zweitens eine damit verbundene Veränderung des Menschen. Die mystisch ergriffene Seele drängt es von sich aus zu einer größeren Liebe zu Gott und den Menschen. Sie ist ganz erfüllt von vom Frieden, der Liebe und dem Licht Christi und will nichts anderes als dieses Licht weiterschenken. Mutter M. Assumpta weiß, wovon sie spricht, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass etwas von diesem Leuchten auch aus ihren Augen springt. Fasziniert und angerührt verabschieden wir uns.

Wir müssen uns beeilen: Kathrins Großeltern erwarten uns zum Kaffee; es sieht aus, als hätte Oma Feineis seit zwei Tagen nichts anderes getan als Kuchen zu backen…

Nach der Komplet krönen wir einen eindrucksstarken Tag mit einem Original Helftaer Klosterbräu im Hotel-Restaurant, das sich ebenfalls auf dem Klostergelände befindet. Danach ruht sich’s wirklich gut.

 

Sonntag, 6. November 2005

Nach dem Frühstück ist zügiges Packen angesagt. Vor der Abfahrt vom Kloster wollen wir wenigstens noch einen Blick in den Garten werfen und das dortige Labyrinth begehen. Um 9.30 Uhr sind wir in St. Gertrud in Eisleben, Kathrins Heimatgemeinde, zur Familienmesse. Anschließend treffen wir den Vikar, der uns etwas zur pastoralen Situation und der Arbeit in der Diaspora erzählt. Hier in den neuen Bundesländern kann der christliche Glaube angesichts eines überwältigenden Atheismus gar nicht anders als ökumenisch überleben. Nach einem herrlichen Mittagessen, das Kathrins Mutter für uns gezaubert hat, nehmen wir endgültig Abschied. Zwischen Reformation und Christusmystik, zwischen Atheismus und lebendigem Glauben haben wir an diesem kurzen Wochenende eine Fülle von Eindrücken gesammelt. Auf der Rückfahrt im Bulli kommen endlich die Paulus-Liederbücher zum Einsatz. In die vielen Eindrücke mischt sich mehr oder minder bewusst eine große Portion Dankbarkeit, dass wir unsern Glauben so leben dürfen, frei und in Gemeinschaft, uns gegenseitig auf verschiedenen Wegen stützend und bereichernd, indem wir alle dem einen Ziel entgegengehen: unserem Gott.

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